Gesundheit ist in. Klingt ein bisschen komisch, weil das ja eigentlich selbstverständlich sein sollte. Aber andererseits – wenn wir mal ganz ehrlich sind – haben wir doch alle so die ein oder andere Angewohnheit, die vielleicht nicht unbedingt in die Kategorie „besonders gesund“ fallen würde, oder? Das ist auch nicht schlimm. Gerade die jüngeren Generationen – und wir reden hier so von U25 abwärts – haben aus dem Thema Gesundheit aber einen echten Trend gemacht. Bewegung und Ernährung stehen für viele im Fokus und neben dem physischen soll auch das geistige Wohlbefinden nicht zu kurz kommen.
Denkt ihr jetzt auch, was ich denke? Das hört sich zwar vernünftig, aber irgendwie auch anstrengend an! Bestimmt kommen jetzt gleich kohlehydratarme und zuckerfreie Rezeptvorschläge oder Tipps zum 5-Uhr-morgens-Yoga-Workout. Nein, keine Sorge, das überlassen wir anderen. Wir haben heute nämlich einfach nur wirklich positive Nachrichten: Stricken ist gut für die Gesundheit!
Dazu gibt es inzwischen sogar wissenschaftliche Studien. Wir Stricker:innen wussten das natürlich schon immer irgendwie, gell? Aber schauen wir uns doch mal an, was das im Einzelnen so bedeutet und wo die Benefits in Sachen Stricken liegen.
Eins rechts, eins links, atmen

Bestimmt hab ihr schon mal den Begriff „Achtsamkeit“ gehört. Kurz gesagt geht es dabei darum, sich und seine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Im Alltag kommt es schnell mal vor, dass wir nur so von einem Termin zum nächsten hetzen und uns wundern, wo die ganze Zeit denn schon wieder geblieben ist. Achtsamkeit kann dabei helfen, intensiver im Hier und Jetzt zu leben und weniger über die Zukunft nachzugrübeln. (Gerade bei der aktuellen Weltlage braucht man so eine achtsame Pause mehr denn je, würde ich sagen.)
Stricken ist eine wunderbare Übung in Sachen Achtsamkeit. Vielleicht nicht unbedingt bei einem glatt-rechts Pulli – das geht geübten Stricker:innen schon mal praktisch unbemerkt von der Hand. Aber wer sich auf ein Muster konzentrieren muss, der hat wenig freie Kapazitäten, sich über den nervigen Nachbarn oder das Meeting in der kommenden Woche aufzuregen. In den USA wird mit Stricken auch bei der Behandlung von Angststörungen experimentiert: Die Organisation Project Knitwell rät Patient:innen, die es schwierig finden, sich unter vielen Menschen (zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln) aufzuhalten, immer ein kleines Strickprojekt dabei zu haben und sich auf die Bewegung der eigenen Hände zu fokussieren.
Das neuseeländische Magazin Listener berichtete, dass in einer Umfrage unter Strickfans 73% der Befragten angaben, dass ihr Hobby eindeutig zum Stressabbau beitrage. Ich muss zugeben: Wenn ich mal wieder einen Fehler in mein Muster gebaut habe und einen kompletten Shirt-Rücken aus Mohair ribbeln muss… dann ist mein Stresslevel nicht gerade besonders niedrig. Das ist ja aber zum Glück die Ausnahme. Hand in Hand mit der Stressreduktion geht laut weiteren Studien auch eine Senkung des Blutdrucks. Stricken ist also gut fürs Herz!
Stricken – ein wolliges Sudoku für Geist und Körper

Wenn es mal ein bisschen intensiver zur Sache geht in den Gehirnwindungen, kommt ein anderer Vorteil des Strickens zum Tragen: Es verbessert die geistige Leistungsfähigkeit! Wer regelmäßig seine Konzentration und das logische Denken trainiert, der hat gute Chancen auch im Alter geistig fit zu sein. Die Washington Post berichtete, dass man inzwischen sogar davon ausgeht, dass Stricken in gewissem Rahmen Alterserscheinungen wie Demenz oder Schizophrenie entgegenwirken kann. Stricken ist ein perfektes Workout für’s Gehirn.
Weiter geht’s auf der emotionalen Ebene. Wer schon mal ein Strickstück fertiggestellt und getragen hat, wird bestätigen: Das ist ein echter Booster fürs Selbstwertgefühl. Etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben, was man dann über Jahre nutzen kann, ist nachhaltig und zu Recht ein Grund, um mal so richtig stolz auf sich zu sein. Gerade am Anfang einer Stricker:innenlaufbahn sind es oft die schnellen Fortschritte, die das Ego streicheln. Mit jeder Socke wird man ein Stück besser und lernt aus seinen Fehlern. Vor allem im Berufsalltag fällt es vielen schwer zu akzeptieren, dass wir auch mal scheitern dürfen – und sogar müssen, um uns weiterzuentwickeln. Das Stricken ist da eine gute Lehrmeisterin.
Finger-Gymnastik und Gelenk-Akrobatik

Fit bleibt beim Stricken aber nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper. Die motorischen Fähigkeiten verbessern sich bei regelmäßigem Stricken. Es gibt Therapieansätze, die mit Stricken als Mittel gegen voranschreitendes Parkinson experimentieren und positive Effekte für die Betroffenen feststellen konnten.
Außerdem: Wer seine Gelenke in Bewegung hält, wirkt dem Abbau von Knorpel entgegen und senkt dadurch das Arthroserisiko.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Stricken selbst bei wirklich schwerwiegenden Erkrankungen unterstützend sein kann: Ich musste eine Chemotherapie über mich ergehen lassen und eine der häufigsten Nebenwirkungen sind Polyneuropathien. Diese Empfindungsstörungen der Finger- und Fußnerven sind nicht nur unangenehm, sondern können zu massiven Bewegungseinschränkungen führen und sogar bleibende Schäden hinterlassen. Deshalb werden neben Kühlung auch verschiedenste Formen von Nervenstimulation und Bewegungstraining für die Finger empfohlen: Stricken ist also absolut perfekt dafür und hilft zudem noch die langen Therapiesitzungen (sechs Stunden und mehr) irgendwie rum zu kriegen.
Kann Stricken auch schaden?
Wie bei allen Dingen im Leben macht die Dosis das Gift. Wer jeden Tag mehrere Stunden in gekrümmter Haltung auf dem Sofa kauert, dabei die Nadeln verkrampft umklammert und einen dicken Wollpulli auf den guten alten Jackenstricknadeln herumwuchtet, muss sich über Rücken-, Kopf- oder Handgelenksschmerzen nicht wundern. Deshalb ist auch hier ein bisschen Achtsamkeit nicht verkehrt: Pausen machen, die Sitzposition mal wechseln und ab und an mal aufstehen. Besonders bei schweren Strickstücken lässt sich mit Rundstricknadeln wesentlich bequemer arbeiten als mit langen, geraden Nadeln. Für alle, die mit der Nadelhaltung Probleme haben, gibt es inzwischen auf dem Markt diverse ergonomische Nadelvarianten, die beim entspannten Strickvergnügen helfen können.
Apropos Vergnügen – hier der letzte und, wie ich finde, entscheidende Grund für unser aller Nadelgeklapper: Stricken macht glücklich. Das sagten über 80 Prozent der 3500 Strickfans, die 2013 in einer weltweiten Studie dazu befragt wurden. Wenn das mal nicht die beste Motivation von allen ist!
Mich macht ja auch Schreiben sehr glücklich, aber nachdem dieser Text nun zu Ende ist, hole ich mir eine weitere Dosis Glück bei meinem aktuellen Sommertop auf den Nadeln ab.
Happy Knitting, ihr Lieben!
Eure Judith
PS: An dieser Stelle noch ein kleiner Disclaimer. Zwar hoffen wir, dass aus dem Text das Folgende sowieso klar geworden ist, aber hier zur Sicherheit auch nochmal ganz direkt: Stricken ist keine Medizin. Wenn ihr gesundheitliche Probleme habt, egal ob körperlicher oder seelischer Natur: geht zu Menschen, die sich damit auskennen. Lasst euch untersuchen, beraten und behandeln. Stricken ersetzt keine Therapie und heilt sicher keine schweren Erkrankungen wie etwa Depressionen. Aber es kann Beschwerden lindern und das Wohlbefinden steigern – und das ist doch ganz wunderbar, oder?!
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Quellen:
- https://aok-erleben.de/artikel/winterhobby-stricken-nicht-nur-fuer-die-oma
- https://www.brigitte.de/leben/wohnen/selbermachen/stricken-ist-gut-fuer-deine-gesundheit-10-gruende-loszulegen-10854464.html
- https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/39673-losgeloest-im-flow-der-nadeln.html
- https://www.washingtonpost.com/national/health-science/might-crafts-such-as-knitting-offer-long-term-health-benefits/2014/04/21/d05a8d40-c3ef-11e3-b574-f8748871856a_story.html
- https://projectknitwell.org/knitting-metaphors/
Bilder:
Meditation: gemeinfrei (https://pixabay.com/images/id-2176668/)
Gehirn: gemeinfrei (https://pixabay.com/images/id-3382521/)
Nadeln und Hanteln: privat
