Wer Steffi auf Instagram folgt, weiß, dass sie durchaus technikaffin ist und die sozialen Medien mag. Auch in Sachen Organisation setzt Frau ScreamingColours auf Digitalität. Für die Blogplanung haben wir ein gemeinsames Bord mit Themenideen. Diesmal durfte ich mir ganz frei etwas aussuchen und meine Wahl fiel auf „Vom Mufflon zum Schaf“.
Vieles beginnt mit einem Irrtum…

… so auch diese Recherche. Woher kommen eigentlich evolutionsbiologisch unsere geliebten Wolllieferanten? Ich dachte bisher – in Erinnerung an die Zoobesuche meiner Kindheit –, dass Mufflons damit etwas zu tun haben. Mit der Meinung bin ich auch nicht alleine – so sicher weiß man das aber tatsächlich gar nicht: Es ist aus Sicht der Wissenschaft nämlich nicht klar, ob das heutige Hausschaf von Mufflons abstammt. Optisch könnte man sich das durchaus vorstellen. Eine andere Theorie nimmt an, dass es sich bei Mufflons um eine verwilderte Nachkommenschaft der Hausschafe handelt. Alois Mufflon wäre dann quasi das Äquivalent zum anstrengenden Onkel auf der letzten Familienfeier. Immer schon beim nächsten Bier und voller Ansichten über die Welt, die er bei Facebook gelesen hat: „Die wollen uns alle scheren, Kinder, ich sags euch!“ Aber ich schweife ab…

Mufflons sind generell genügsame Wesen und kommen auch mit karger Vegetation klar. Ihr Speiseplan besteht zu zwei Dritteln aus Gräsern, dazu kommen Blätter von Bäumen und Sträuchern und was sich sonst so an Kräutern, Samen und Früchten im Wald finden lässt. Ganz im Dickicht leben sie übrigens nicht so gern. Es gilt „Lage, Lage, Lage!“ auch in Sachen Mufflon-Behausung: Blößen, Lichtungen und alles mit ein bisschen Weitblick darf’s schon sein.
Der Mufflon – Imposante Geweihe sind hier Männersache
Es gibt verschiedene Mufflon-Arten. Was hierzulande landläufig mit Mufflon gemeint ist, ist die europäische Variante des Ovis gmelini musimon, auch Muffelwild oder kurz Muffel genannt. Dabei handelt es sich um ursprünglich mediterrane Inselbewohner: Eine Linie kommt von Korsika, die andere vom Nachbar-Eiland Sardinien. Charakteristisch sind die imposanten, schneckenförmig gedrehten Hörner der Widder. Die Weibchen haben in der italienischen Linie keine Hörner, ihre französischen Schwestern hingegen kleine Hörnchen. Die Unklarheiten hören übrigens auch bei diesen beiden Unterarten nicht auf: Manche Forscher meinen, dass es vor 3000 bis 4000 Jahren in Europa gar keine Mufflons mehr gab, da sie durch Jagd ausgerottet wurden und auf den beiden Inseln nur die Restpopulation überlebte. Damit wäre dort das Urschaf konserviert und später dann In Teilen domestiziert worden. Andere bleiben eher bei der „anstrengender Onkel“-Wildtyp-Theorie.

Apropos Jagd: Völlig erstaunt war ich davon, dass Mufflons keineswegs geschützte und ganz seltene Tiere sind. In Deutschland wurden laut Angaben des Deutschen Jagdverbands im Jahr 2016 um die 8000 Tiere geschossen. War euch klar, dass in unseren Wäldern diese imposanten Tiere herumstolzieren? Also mir ja nicht. Am verbreitetsten scheinen Mufflons in Thüringen und Rheinlandpfalz zu sein; von dort stammte damals über ein Drittel der erlegten Tiere. Besonders in Mittelgebirgsregionen, Stichwort „Aussicht“, fühlen sie sich offenbar recht wohl und vermehren sich dementsprechend. In jüngster Vergangenheit schlagen Forstverbände allerdings Alarm: Die Mufflonbestände könnten bedroht sein, sollte der Wolf zurückkommen.
Sollten wir schon mal das Spinnrad anwerfen?
Kommen wir aber nun zu der Frage, die uns alle hier am meisten interessiert: Was ist mit der Wolle? Könnte Mufflon-Garn der neueste Trend werden? Ein lokales, nachhaltiges Flauscherlebnis, das es dringend zu entdecken gilt?
Nein, da wird leider nichts draus: Mufflons haben glattes, sticheliges Haar, das in aller Regel eher kurz ist. Immer wieder tauchen zwar auch Exemplare auf, die weicheres Kräuselfell haben – das ist dann aber ein ziemlich sicherer Hinweis darauf, dass Hausschafe mit eingekreuzt wurden. Wolligkeit bleibt also zumindest in dieser Familie ein Charakteristikum der domestizierten Schafrassen.
Eine weit verzweigte Verwandtschaft: Mufflon und Urial

Wo kommt es also nun her, das Hausschaf? Glaubt man den Urschaf-Vertretern in der Forschung, dann gehen die kurzschwänzigen Rassen, wie sie in Nordwesteuropa heimischen sind, auf Mufflons zurück. Das klassischste Beispiel hierfür wäre die Heidschnucke.
Das bei Strickerinnen beliebte Merino-Schaf hingegen könnte vom Urial oder Steppenschaf abstammen. Zu dieser Gruppe gehören hauptsächlich afrikanische und zentralasiatische Rassen. Neben dem imposanten Gehörn haben viele dieser Unterarten auch eine staatliche Halsmähne. Da kann Onkel Alois mit seinem Brusthaartoupet samt Goldkettchen nur neidisch gucken…
Wer nach Antworten sucht, hat am Ende manchmal mehr Fragen als zu Beginn. Das gehört zur Wissenschaft dazu und passt auch zum heutigen Beitrag: Nach diesem Fiber Fact Friday können wir zwar nicht genau sagen, wo das Schaf herkommt, aber wir haben ein paar spannende Erklärungsansätze kennengelernt. Und wer weiß – vielleicht gibt es ja bald den Durchbruch in der Schaf-Herkunftsforschung!
Für heute verabschiede ich mich erstmal von euch mit dem Hinweis, dass wir uns in weiteren Ausgaben des FFF auch den verschiedenen Schafrassen widmen werden und da taucht das ein oder andere Muffel sicher auch immer mal wieder auf.
Wollige Grüße, Judith (und Alois)
Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Europäischer_Mufflon
- https://www.jagdverband.de/sites/default/files/2015-16%20Jahresstrecke%20Muffelwild.pdf
- https://ljv-rlp.de/presse-und-service/faz-serie-wildwechsel/wildwechsel-ein-rares-und-fabelhaftes-tier/
- https://www.nachhaltigleben.ch/natur/mufflon-in-der-schweiz-was-das-scheue-schaf-ausmacht-3403
- https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/woelfe-bedrohen-mufflonbestand-in-deutschland-a-1263253.html
- https://de.wikipedia.org/wiki/Urial
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